200 Jahre Fahrrad – ein etwas anderer Blick

Noch ist es Winter, kalt und nur wenige fahren Fahrrad. Die Werkstätten und Fahrradläden haben ihre ruhige Zeit, genießen diese bestenfalls und bereiten sich auf die kommende Saison vor. Auch die Radkultur nimmt sich eine Auszeit und so sitze ich hier grade in Irland / Westcork (Rosscarbery), nicht weit vom Atlantik, in einem alten Cottage. Um mich herum sind grüne Hügel, es ist neblig und stürmt seit Tagen bei 9 °C. Zum Glück hat hier jedes Haus einen Ofen der gut wärmt und alles sehr gemütlich werden läßt. Nebenbei werden Bücher gelesen, gutes Essen mit Freunden bereitet und ausgiebige Spaziergänge gemacht. Das Buch was ich im Augenblick lese ist von Ralf Sotscheck – Gebrauchsanweisung für Irland, ein sehr empfehlenswertes Buch. Es offenbart mir die irische Lebensart und nebenbei auch die Kunst der Iren zu Dichten und zu Schreiben.
So möchte ich jetzt ein wenig an diese Erzählkunst anknüpfen und etwas über das Rad, das Fahrrad und seine Geschichte schreiben.

Es ist 2017 und diese Jahr wird das Fahrrad 200 Jahre alt.

Viel wird schon darüber geschrieben (fast jeder kennt das Laufrad von Karl von Drais, der 1817 der Welt seine Draisine vorstellte), große Feste sind geplant um diese großartige Errungenschaft der Menschheit würdig zu feiern und die Politik wird dann auch erwachen und die Wichtigkeit dieses umweltfreundlichen Verkehrsmittels mit vielen Worten loben.
Das ist auch gut so, denn das Fahrrad ist ein fantastisches Fortbewegungsgerät. Nie war es möglich so leicht, so schnell aus eigener Kraft unterwegs zu sein.

Dabei sind wir Menschen von Natur aus (oder von wem auch immer) zum Laufen vorgesehen. Etwas paradox. Obwohl die Erde, wenn man sie zweidimensional betrachtet rund ist und einem Rad gleicht. Unsere Vorfahren vor mehreren tausend Jahren haben das schon erkannt, fanden in der Bewegung der Erde und des Kosmos runde Bewegungen, sprachen von Zyklen und viele haben die Symbolik des Rades als Medizinrad, Jahreskreis, u.s.w  in ihre Kultur übernommen. Alles dreht sich und bewegt sich weiter, Spiralen entstehen. Und trotzdem mussten und müssen wir laufen.

Erst vor ca. 5000 bis 6000 Jahre v.Chr. entstanden dann die ersten Räder. Erst als Töpferscheiben, dann für Karren und danach für Esels- oder Pferdewagen.
Dann brauchte es eine sehr lange Zeit und eine Krise bis der Mensch sich selbst auf zwei Rädern setzte. Noch war der Antrieb, wie bei den heutigen Kinderlaufrädern, mit laufenden Bewegungen. Doch schon bald entwickelte sich ein neuer Antrieb. Es wurde nickt mehr gelaufen, sondern getreten – in die Pedale getreten. Erst waren es Hochräder, dann Niederräder so wie wir sie heute kennen, die die Straßen eroberten.

Mit dem Treten in die Pedale endete auch das fortlaufende berühren des Bodens. Der Schwebezustand wurde nicht mehr unterbrochen und ein neues, fließendes Fahrgefühl entstand. Das Fahrrad war nun fertig. Das war ca. 1880, seitdem entwickelten sich nur die Materialien, die Schaltungen, die Fahrradarten und das Design weiter.

Das was Herrn Drais schon vor 200 Jahren begeistert hat, das ist es auch heute noch, was uns auf´s Fahrrad zieht. Das schnellere Vorankommen und vor allem der Schwebezustand. Wir wollen uns befreien, den Alltag abstreifen und uns den Wind um die Ohren wehen lassen. Das Fahrrad, ob als Lastenesel oder reduziertes Singelspeed ist da das beste Mittel zum Zweck. Der Körper kann sich bewegen, der Geist erwacht, kann aufmerksam sein und beobachten.

Und unter einem rollen immer noch zwei Räder. Zwei Räder, wo sich Reifen um die Naben, wie die Erde um die Sonne drehen. Das Ventil ist mal oben, mal unten, mal nach hinten und mal nach vorn gerichtet. Alles dreht sich und alles bewegt sich. Wenn wir auf dem Fahrrad sitzen, verbinden wir uns mit etwas Ursprünglichen, mit der Natur und deren Zyklen die schon immer da waren. Das das englische Wort für Fahrrad „cycle“ ist, unterstreicht nochmals diese Verbindung. Wir Menschen lieben von Natur aus Zyklen, Bewegungen und den Wandel. So erfahren wir Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sowie den stetig wandelnden Wind von Nord, Süd, Ost und West auf dem Fahrrad und alles hat seine Qualitäten.

Wenn wir auf´s Fahrrad steigen verbinden wir uns bewußt, oder unbewußt mit den Kräften der Natur, mit den Orten und Räumen die wir durchfahren. Wir treten in die Pedale, und wenn wir Glück haben dann setzt trotz aller Anstrengung ein Gefühl des Schwebens ein. Der Körper wird frei, der Geist kann sich entspannen und die Seele fliegen. Wir sind berauscht und glücklich. Vielleicht, wenn wir dann wieder vom Fahrrad absteigen entfaltet sich eine erfrischende Zufriedenheit.

Das ist das, was das Fahrrad nach 200 Jahren immer noch ausmacht. Es ist praktisch und voller Vergnügen, ob im Alltag oder in der Freizeit. Das Fahrrad ist heute wieder populärer und durch alle Gesellschaftsschichten wird Rad gefahren. Man radelt zur Arbeit, zu Freunden, ist sportlich auf Rennrädern unterwegs, oder mit Gepäck auf Urlaubsreise durch Europa. Hier in Irland wird seit kurzem auch wieder Fahrrad gefahren. In den Städten sind die Singelspeedfahrer unterwegs und auf dem Land sieht man nun am Wochenende Gruppen von ambitionierten, bestens ausgestatteten Rennradlern. Diese mit dem Auto zu überholen ist auf den schmalen irischen Straßen oft schwer möglich und so bilden sich meist lange Schlangen hinter dem Pulk. Es ist fast wie bei der Tour de France, nur die Zuschauer fehlen.

Nicht fern von unserem kleinen irischen Cottage liegt Ballinascarthy, der Ort, wo William Ford,  Vater von Henry Ford, dem Gründer der Automarke „Ford“ geboren wurde. William Ford wanderte wie so viele Iren in die USA aus. Dort kam Sohn Henry zur Welt. Henry Ford war nicht nur gelernter Fahrradmechaniker sondern fuhr auch sehr gerne Fahrrad. So auch zu seiner Detroiter Fabrik, wo das berühmte Auto „Ford Modell T“ gebaut wurde. Detroit, die amerikanische Autostadt, war auch nicht immer eine Autostadt. Zu Beginn der Industrialisierung stand das Fahrrad groß da und viele  namenhafte Autohersteller gründeten auf das verdiente Geld aus der Fahrradproduktion. Nun scheint es, daß Detroit nach langer Zeit wieder zur Fahrradstadt wird.

Warum soll das, was zu beginn der Industrialisierung mit dem Fahrrad an Mobilität gewonnen wurde nicht auch heute in unserer digitalen Welt funktionieren? Wird es uns gelingen eine moderne Mobilität, die im Einklang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu verwirklichen? Und wie sieht eine zukunftsfähige Mobilität im städtischen / ländlichen  Raum aus? Vielleicht wird das Fahrrad daran einen großen Anteil haben. Spass und Freude wird es uns auf jeden Fall bereiten, so wie in den letzten 200 Jahren auch schon.

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